Mittwoch, 17. Januar 2007

„Geschichte im Netz – Praxis, Chancen, Visionen“

Prof. Wolfgang Schmale beschreibt in seinem Vortrag, mit dem Titel „Geschichte im Netz – Praxis, Chancen, Visionen“, der auch gleichzeitig der Titel eines Kongresses war über die Geschichtswissenschaften im World Wide Web. So ist auch dieser Text in die drei Themengebiete: Praxis, Chancen und Visionen unterteilt.

Praxis
Der Autor weist zu Beginn darauf hin, dass die meisten historischen Seiten von Laien verfasst wurden – die teilweise „unfreiwillige Komik“ aufweisen und „eigentümlich“ sind. Sie sind zwar mit Vorbehalten zu konsumieren aber nicht zu vernachlässigen. Mit besonderer Vorsicht sind Homepages mit versteckten oder offenen Rechtsradikalem Inhalt zu betrachten aber auch Computerspiele und Webgames, die sich der Thematik des zweiten Weltkriegs annehmen.
Als wesentliches Merkmal der geschichtswissenschaftlichen Seiten wird die Systemmodifikation bezeichnet. Einerseits werden traditionelle Medien beibehalten und unter dem Einfluss neuer Medien verändert werden. Andererseits werden neue Medien eingeführt und unter dem Einfluss der alten Medien moduliert. Dies wird als die Remediation bezeichnet.
Kritisiert wird dass zahlreiche wissenschaftliche Homepages zur Geschichte nicht mit gesicherten Ergebnissen ausgestattet sind sondern oft „mehr einem Diskussionstand gleichen. Dies kann laut Schmale aber auch die Stärke einer wissenschaftlichen Web-Publikation sein.

Chancen
Die Systemtransformation der Geschichtswissenschaft lässt sich laut Schmale an sechs Beobachtungen festmachen:
  1. Verflüssigung und Beschleunigung der Kommunikation. Nicht nur die Suche nach Informationen, auch die Rezeption und die Verarbeitung und wissenschaftlichen Wissen beschleunigt sich. Das Potential des Internets ist hier aber laut Schmale noch nicht ausgeschöpft.
  2. Barrierelosigkeit und Offenheit des Netzes. Noch immer benutzen Deutsche mehr Deutsche Homepages oder Österreicher vermehrt die Homepages ihres Heimatlandes. Der tatsächlich vorhandene Raum wird bei Weitem noch nicht ausgeschöpft. Die Auswirkungen und Verwendung wissenschaftlicher Kenntnisse im Web sind noch sehr schwer kontrollierbar.
  3. Multimedialer Charakter. Ikonographische Quellen und die Analyse von Fotos, Videos und Filmen haben in den vergangenen Jahren in der Geschichtswissenschaft sehr an Bedeutung gewonnen, diese Entwicklung wird durch die Technischen Möglichkeiten des WWW weiter verstärkt. Das Netz erleichtert die Nutzug unterschiedlicher Quellentypen für die Forschung.
  4. Beziehungsnetz und Inter- oder Multidisziplinarität. Das Web übt auf die Forschung einen immer größer werdenden Druck zur Interdisziplinarität aus. Die Entwicklung setzt sich aber nur sehr langsam durch.
  5. E-Learning. Mittels Lernplattform oder in Gestalt der Internet gestützten Lehre kann E-Learning der Effektivitätssteigerung der Lehre dienen. Laut Schmale kommt dies in der Geschichtswissenschaft „erst langsam in Gang“. Nicht zuletzt würde der Einsatz des Internets den „Fun-Faktor“ in der Geschichtswissenschaft erhöhen. E-Learning sollte aber nicht nur auf den universitären und schulischen Bereich eingeschränkt werden sondern auch auf jedwede Erwachsenen- und berufliche Bildung von zu Hause.
  6. Beziehung zwischen Individuum, Kollektiv und Wissenschaftlichen Wissen. Neue Techniken im Internet, hierbei wird der Hypertetxtcreator beispielhaft erwähnt, erweisen sich als Förderer des Teamworks innerhalb der Wissenschaft. Die dominante Stellung der Einzelpersonen wird dadurch geschwächt, Kollektive und Teams gewinnen an Bedeutung.
Visionen
Das Internet führte zu einer Medienrevolution, als entscheidendes Moment legt der Autor das Jahr 1995 fest. Auch die Geschichtswissenschaft wird einem radikalen Wandel unterzogen der sich weiter fortsetzen wird. Hierbei werden sich die multimedialen und die multidisziplinären Herangehensweisen weiter verstärken. Geschichte wird „nicht mehr selektiv, sondern kompositiv“ zu sehen und zu verstehen sein. „Das Netz codiert die gegenwärtige transformierte Zivilisation besser als die alten Medien, und es codiert unsere neuen Sichtweisen auf Vergangenes adäquater.“

Fazit
Der Text von Prof. Schmale weckt Lust auf die Zukunft. Sehr positiv und hoffnungsvoll wird ein schneller Weg durch das Zeitalter des Internets aufgezeigt, der in der Vision einer multimedialen und die multidisziplinären Geschichtswissenschaft gipfelt. Die Chancen sind spannend zu lesen. Als Student bekommt man den Eindruck: Irgendwann – in naher Zukunft - werde ich mit wenigen Mausklicken auch wirklich zu dem Thema, zu dem ich die Suche gestartet habe, das gewünschte Ergebnis finden.
Ich bin mir nicht sicher ob diese Vision der Zukunft der Geschichtswissenschaften im Internet nicht bald nach anfänglicher Euphorie über die neu geschaffenen Möglichkeiten am Boden der Realität angekommen wird. Aus meiner Sicht werden nur sehr wenige einzelne Wissenschaftler den Weg ins Kollektiv und weitgehend anonymisierte Internet wählen auch wenn ihnen die Möglichkeit geboten wird. So kann ich mir vorstellen, dass der Einzelne es vorziehen wird, als wissenschaftliches Individuum für seine mittelmäßigen Eigenleistungen Ansehen zu ernten, als es im anonymen Kollektiv für ein herausragendes wissenschaftliches Teamwork. So sehr die Entwicklung wie sie im Text aufgezeigt wird begrüßenswert ist, so groß schätze ich auch das Risiko ein, dass die Geschichtswissenschaft hier an ihren Eigeninteressen scheitern könnte.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Text mir neue Aspekte der wissenschaftlichen Internetnutzung aufgezeigt hat, dass ich aber der Ansicht bin das manche Dinge in einem zu positiven Licht erstrahlen.
Martin23 - 18. Jan, 12:09

Ich kann ihre Einschätzung zum Arbeiten im Kollektiv zum Teil teilen. Ich denke, dass die Arbeit im Kollektiv die Möglichkeit mit sich bringt in einer neuen Dimension Fragestellungen in den Diskurs mit einzubringen. Wie sich die Eigenleistung dann veranschaulichen lässt ist eine gute und noch zu beantwortende Frage!
MG

M4 Andreas Csar

KU Informatik und Medien in der Geschichtswissenschaft O. Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Schmale

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